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Offener Brief an die Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie Frau Sandra Scheeres und an die Staatssekretärin für Bildung Frau Beate Stoffers

Die Berliner Schulen brauchen ein qualifiziertes grundrechtsklares Unterstützungsangebot, um wirksam gegen religiöses Mobbing, konfrontative Religionsbekundung und islamistische Ideologisierung vorzugehen.

Die Arbeit der Beratungs- und Fortbildungsstelle des DEVI e.V muss für Ende 2020, 2021 und darüber hinaus abgesichert werden

Sehr geehrte Frau Scheeres, sehr geehrte Frau Stoffers,

die islamistisch motivierten Morde in Wien, Nizza, Paris und Dresden und anschließende Reaktionen darauf in unserer Stadt führen uns vor Augen wie notwendig ein umfassendes gesellschaftliches Engagement gegen konfrontative Religionsbekundung, religiös begründetes Mobbing und Islamismus in Berlin ist. Wir wollen unseren Teil in den Berliner Schulen dazu beitragen.

Das Wirken des politischen Islams ist nicht auf Frankreich und Österreich beschränkt. Auch in Deutschland und in Berlin ist der Einfluss des politischen Islams deutlich wahrzunehmen und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In den Schulen sind konfrontative Religionsbekundung, religiös begründetes Mobbing und Islamismus seit mehreren Jahren eine große Herausforderung. In den letzten Tagen ist dies bei der Schweigeminute anlässlich des Mordes an dem Lehrer Samuel Paty in Paris und der Morde in Nizza sehr deutlich geworden. Dies ist aber nur die Spitze des Eisberges. Darunter gibt es tägliche Auseinandersetzungen um eine demokratische Kultur gegen konfrontative Religionsbekundung, religiös begründetes Mobbing und Islamismus in den Berliner Schulen. Im Schulalltag gestaltet es sich zusätzlich als schwierig, bestimmte Themen zu besprechen – seien es Politik, Glaube oder Sexualität. In heterogenen Gesellschaften ist es erforderlich, gemeinsam über kontroverse Themen ins Gespräch zu kommen. In vielen Klassen scheuen sich Lehrkräfte allerdings, solche Themen zu behandeln.
Um die Schulen bei der Prävention und Intervention im Umgang mit diesen Erscheinungen nicht allein zu lassen und diese dabei zu unterstützen, bedarf es qualifizierter außerschulischer Angebote. Ein erster Schritt ist die verbindliche finanzielle Absicherung von solchen, bisher prekär finanzierten Projekten und Angeboten für die Berliner Schulen, für die wir uns einsetzen.

Der DEVI e.V. arbeitet seit 2017 mit dem Projekt „Beratungslehrer/innen für weltanschauliche und religiöse Vielfalt“ und der „Beratungs- und Fortbildungsstelle für weltanschauliche und religiöse Vielfalt“ in Berliner Schulen. Diese berät und begleitet Berliner Grundschulen, Sekundarschulen, Gymnasien und Berufsschulen bei der Prävention von religiös begründeter Demokratie- und Menschenrechtsfeindlichkeit, beim pädagogischen Umgang mit religiösem Mobbing, konfrontativer Religionsbekundung und islamistischer Ideologisierung. Es wird eine zehnteilige Fortbildungsreihe/Ausbildung zum „Beratungslehrer*in für weltanschauliche und religiöse Vielfalt“ angeboten, an der bisher ca. 60 Lehrer*innen aus ca. 40 Berliner Schulen teilgenommen haben. Unser Ziel ist es, an jeder Berliner Schule eine ausgebildete Beratungslehrkraft zu verankern. Darüber hinaus beinhaltet die Beratungs- und Fachstelle eine Fallberatung und Begleitung, Schulentwicklungsberatung, Klassentage für Schüler*innen und das stetig wachsendes Netzwerk, bestehend aus den ausgebildeten Beratungslehrer*innen. Sie ist ein erfolgreiches und wirksames Angebot für die Berliner Schulen zur Prävention von Islamismus, welche die Unterstützung dringend benötigen.

Besonderheiten der Beratungs- und Fortbildungsstelle sind die Orientierung an einer grundrechts-kompetenten und grundrechtsklaren Pädagogik, damit Erscheinungen von Islamismus an den Schulen nicht relativiert und verharmlost werden, die Benennung von demokratie- und menschenrechtsfeindlichen Interpretationen von weltanschaulichen und religiösen Quellen und die Vermeidung von kollektivierenden Opferdarstellungen, die Radikalisierung fördern können. Der DEVI unterbreitet Berliner Schulen das Angebot langfristiger Zusammenarbeit und unterlegt dieses Angebot durch sein Handlungsmodell mit neun Handlungsfeldern. Wir setzten uns für eine abgesicherte Finanzierung der Angebote und der Arbeit der Beratungs- und Fortbildungsstelle des DEVI e.V. ein.

Die Beratungs- und Fortbildungsstelle des DEVI e.V. ist bisher mit zwei Vollzeitstellen und Sachmitteln prekär in Vierteljahresschritten durch die Senatsbildungsverwaltung ausgestattet und finanziert. Selbst diese ist aber für 2020 noch nicht abgesichert. Dies erschwert die qualifizierte und dauerhaft ausgerichtete Arbeit in einer gesellschaftlich zugespitzten Situation und wird der Lage an den Schulen nicht gerecht. Die Fortsetzung der Arbeit im Jahr 2021 und darüber hinaus ist ebenfalls nicht abgesichert. Der Beratungs- und Fortbildungsstelle droht so zum Dezember 2020 die Schließung. Wir halten dies in der aktuellen gesellschaftlichen Situation und bei den Herausforderungen für die Berliner Schulen beim pädagogischen Umgang mit religiösem Mobbing, konfrontativer Religionsbekundung und islamistischer Ideologisierung für ein völlig falsches Signal.

Die Berliner Schulen brauchen ein qualifiziertes und grundrechtsklares Unterstützungsangebot, um wirksam gegen religiöses Mobbing, konfrontative Religionsbekundung und islamistische Ideologisierung vorzugehen.

Wir bitten Sie hiermit darum, die Arbeit der Beratungs- und Fortbildungsstelle des DEVI e.V verbindlich für dieses Jahr, 2021 und auch darüber hinaus finanziell abzusichern.

Unterzeichnende

  • Michael Hammerbacher, Vorsitzender DeVi e.V.
  • Astrid-Sabine Busse, Vorsitzende, Interessenverband Berliner Schulleitungen
  • Ronald Rahmig, Vorsitzender, Vereinigung der Leitungen berufsbildender Schulen in Berlin e.V.
  • Lala Süßkind, Geschäftsführende Gesellschafterin, Jehi ‘Or JBDA gUG
  • Lydia Bergida, Vorstand, WerteInitative – jüdisch-deutsche Positionen e.V.
  • Kurt Edler, Bundesvorsitzender, Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) 2008-2017
  • RA Walter Otte, Berlin, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Säkulare Grüne
  • Prof. Dr. Markus Tiedemann, Professor für Philosophiedidaktik und Ethik, TU Dresden
  • Güner Balci, Integrationsbeauftragte, Bezirk Neukölln
  • Cem Erkisi, Landesvorstand, GEW, Beauftragter für Integration, CDU Berlin Mitte Roman Veressov, LINKE-Bezirksverordneter, BVV Lichtenberg
  • Armin Scheffler, Landesvorstand, Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) LV Berlin-Brandenburg
  • Annette Schymalla, Bezirksbeauftragte für Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Treptow- Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V.
  • Thorsten Joschko, Schulleiter, Konrad-Zuse-Schule
  • Jörg Phielipeit, stv. Schulleiter, Konrad-Zuse-Schule
  • Gesche Thikötter, Fachbereichsleitung, Konrad-Zuse-Schule
  • Thomas Pehle, stv.Schulleiter, OSZ – Eduard-Maurer
  • André Prößdorf, Abteilungsleiter, OSZ – Eduard-Maurer
  • Steffi Döhl, Abteilungsleiterin, OSZ – Eduard-Maurer
  • A. Rolla-Eilers, Schulleiterin, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer
  • Robert Baal, stv. Schulleiter, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer
  • Nicole Brandenburg-Kühne, Abteilungsleiterin, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer
  • Angela Schwalb, Abteilungsleiterin, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer-Schule
  • Nils Heinrich, Abteilungsleiter, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer-Schule
  • Andrea Engelmann, Abteilungskoordinatorin, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer
  • Katrin Matthies, Abteilungskoordinatorin, OSZ Ernährung und Lebensmitteltechnik – Emil-Fischer
  • Jürgen Dietrich, Schulleiter, OSZ Gastgewerbe
  • Michael Gotthardt, stv. Schulleiter, OSZ Gastgewerbe
  • Ralf Späth, Abteiltungsleiter, OSZ Gastgewerbe
  • Eugenio Francioni, Abteilungskoordinator, OSZ IMT
  • Kristiane Böhm, Fachbereichsleiterin Sozialkunde, OSZ IMT
  • Heike Isenthal, Fachbereichsleiterin, OSZ IMT
  • Brita Beuchler, stv. Schulleiterin, OSZ KFZ-Technik
  • Ute Schaeffer, Abteilungsleiterin, OSZ Lise-Meitner
  • Boris Reusch, Fachsbereichsleitung Physik, OSZ Lise-Meitner
  • Christian Rasmussen, stv. Schulleiter , OSZ Maschinen- und Fertigungstechnik
  • Michael Boger, Fachbereichsleitung Sozialkunde, OSZ Maschinen- und Fertigungstechnik
  • Nicole Verdenhalven, Schulleiterin, OSZ Medizin / Gesundheit – Rahel-Hirsch-Schule
  • Jürgen Barning, stv. Schulleiter, OSZ Medizin / Gesundheit – Rahel-Hirsch-Schule
  • Holger Geule-Volkmuth, Abteilungsleiter, OSZ Medizin / Gesundheit – Rahel-Hirsch-Schule
  • Timo Haring, Abteilungskoordinator, OSZ Medizin / Gesundheit – Rahel-Hirsch-Schule
  • Andreja Orsag, Schulleiterin, OSZ Ruth-Cohn
  • Andrea Stegmann, Abteilungsleiterin, OSZ Ruth-Cohn
  • Ulrike Manigel, Abteilungsleiterin, OSZ Sozialwesen I – Anna-Freud-Schule
  • Anja Heske-Kirstan, Fachbereichsleitung, OSZ Sozialwesen I – Anna-Freud-Schule
  • Karsten Seegebrecht, Fachbereichsleitung, OSZ Sozialwesen I – Anna-Freud-Schule
  • Detelf Pawollek, Schulleiter, Röntgen-Schule, ISS
  • Helmut Weigand, Koordinator, SIBUZ 13
  • Herbert Weber, Geschäftsführer, Sprint gGmbH
  • Michaela Wilhelms, stv. Schulleitung, FORUM Berufsbildung e.V.
  • und 346 weitere Unterzeichner*innen aus dem Bildungsbereich aus 30 Schulen / Einrichtungen, darunter 15 Oberstufenzentren und 5 Grundschulen.
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Statement: Mehr als nur “Wortklauberei”: “Muslimenfeindlichkeit” statt

Statement zur geplanten Einrichtung einer Registerstellebei der Berliner Innenverwaltung. Muslimenfeindlichkeit statt „antimuslimischer Rassismus“

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Audit Materialien

In Kürze finden Sie hier Materialien, die bei der Umsetzung eines eigenen Audits helfen sollen.

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Michael Hammerbacher im Interview über die Prävention von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Schulen

Michael Hammerbacher im Interview über die Prävention von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Schulen. Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft der GEW Bund, 04/2019, S. 14/15

Zeitschrift EW_04-2019_Web

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